Autonomie für Alle durch Grundeinkommen! Wozu dient der Mindestlohn?

Grundeinkommen und Mindestlohn, zwei Forderungen, die eher dem linken politischen Spektrum zugeordnet werden, aber zuletzt immer stärker die politische Mitte besetzen. Der Mindestlohn ist dabei allerdings längst im politischen Diskurs angelangt, während gar einige Bundestagsabgeordnete, wie neulich Jürgen Klimke von der CDU, unter bedingungslosem Grundeinkommen einen Mindestlohn mit dem man „von seiner Arbeit leben kann“ verstehen. Das man endlich von seiner Arbeit leben kann, was auch von linken und gewerkschaftlichen Befürwortern des Mindestlohns immer wieder zu hören ist, ist aber ein Wunschtraum, der so nicht mehr in Erfüllung gehen kann.

Um, zumindest theorethisch, von seiner Arbeit leben zu können, müsste man mit seiner Arbeit tatsächlich die Grundbedürfnisse decken. Man müsste also die Lebensmittel produzieren, den Wohnbestand eigenhändig aufrecht erhalten und seine Kleidung selber näher und natürlich auch noch die Baumaterialen und Stoffe selber abbauen und aufbereiten. Und obwohl Mindestlohnbefürworter gerne Slogans wie „damit man von seiner Arbeit wieder leben kann“ an ihre Forderung nach einem Mindestlohn anhängen, möchte niemand ernsthaft in eine solche mittelalterliche Gesellschaft zurück. Die Idee ist immer, dass jemand durch seine Arbeit genügend Geld erhält um damit widerum genügend Kaufkraft zu haben um sich letzlich diese grundlegenden Bedürfnisse des Menschen erwerben zu können. Jemand, der durch seine Arbeit ein entsprechend hohes Einkommen erzielt, bleibt also weiterhin abhängig von den ganzen Menschen, die dazu beitragen diese Grundbedürfnisse in einer arbeitsteiligen Gesellschaft bereitzustellen. Diese Abhängigkeit ist auch nicht zu lösen, es sei denn man möchte ernsthaft die Arbeitsteilung und die entsprechenden Fortschritte der Gesellschaft in Frage stellen.

Der Kern der Mindestlohnforderung ist also die Autonomie für diejenigen, die arbeiten. Wenn man das Instrument des Mindestlohns jedoch genauer betrachtet, wird aber noch nicht einmal Autonomie für alle Arbeitenden gefordert.

– Nur ca. 56 Millarden Arbeitsstunden von insgesamt 152 Millarden geleisteten Arbeitsstunden finden überhaupt auf dem Erwerbsarbeitssektor statt, der große Rest findet ehrenamtlich bspw. in der Familie oder in Vereinen statt. Für diesen Großteil der Arbeit würde ein Gesetz über einen Mindestlohn überhaupt keinen Einfluss haben, außer dass u.U. geringe Entlohnungen unter dem Mindestlohn für diese Tätigkeiten schwieriger realisiert werden können.

– Nur ca. die Hälfte der gesamten Bevölkerung trägt überhaupt zu diesen 56 Millarden Erwerbsarbeitsstunden bei, was nichts anderes bedeuted, als dass ca. 40 Millionen Menschen in diesem Land überhaupt nicht von einem Mindestlohn profitieren würden.

– Von den ca. 40 Millionen Erwerbsarbeitenden fallen weitere Gruppen heraus, denen ein Mindestlohn noch lange keine Autonomie zusichert. Für Selbstständige würde ein Mindestlohn nicht wirksam, und bereits heute werden zahlreiche Arbeitsverhältnisse im Niedriglohnsektor, bspw. bei Friseuren oder Paketlieferanten über Selbstständigkeit organisiert um angemessene Löhne zu umgehen. Bei allen Teilzeitarbeitsverhältnissen würde der Mindestlohn ebenfalls keine Autonomie, abseits der Arbeit, erwirken. Bei befristeten Arbeitsverhältnissen wäre auch die Autonomie befristet und somit nicht nachhaltig gesichert.

– Zu guter Letzt erhält die überwältigende Mehrheit der Menschen, bei denen die Autonomie durch die Zahlung eines Mindestlohns gesichert wäre, bereits heute einen Lohn über dem Mindestlohn.

Der Kern der Forderung nach einem Grundeinkommen ist letzlich der gleiche, Autonomie. Nur geht die Forderung hier weit über die des Mindestlohns hinaus, denn durch ein Grundeinkommen soll Autonomie für alle erreicht werden und nicht nur für eine kleine Bevölkerungsgruppe, die momentan auf dem Arbeitsmarkt unterbezahlt wird. Dennoch soll und wird, gerade die Gruppe, die von einem Mindestlohn profitieren würde, von einem Grundeinkommen noch stärker profitieren. Denn die Autonomie durch ein Grundeinkommen geht nicht nur bezüglich der Größe der Bevölkerungsgruppe über die Autonomie durch einen Mindestlohn hinaus, auch inhaltlich ist die Autonomie deutlich weitergehend. Die Autonomie durch ein Grundeinkommen beinhaltet nämlich nicht nur Autonomie abseits der Arbeitstätigkeit, sondern auch auf dem Arbeitsmarkt. Im Klartext bedeutet dies, dass die Menschen auch die Möglichkeit erhalten eine andere Arbeit zu machen, die Ihnen persönlich wesentlich mehr bringt als ein Mindestauskommen für ihr Leben. Das Mindestauskommen ist also bedingungslos gesichert und die Autonomie beinhaltet sich einer Tätigkeit zu widmen, die Spaß, Freude oder Verbesserung der persönlichen Lebensumstände mit sich bringt. Die Bezahlung der Tätigkeit wird somit zweitranging und ist nur noch Teil einer Verhandlung auf Augenhöhe. Die Anzahl der Möglichkeiten für jeden Einzelnen wächst immens.

Ein Mindestlohn, zusätzlich zu einem existenzsichernden Grundeinkommen, würde diese Möglichkeiten direkt wieder einschränken. Denn alle Tätigkeit, die direkt von anderen bezahlt würde, könnte nur dann stattfinden, wenn sie den Anforderungen eines Mindestlohns gerecht würde. Diese Einschränkung ist aber gar nicht mehr zielführend, denn der Slogan „damit man von seiner Arbeit wieder leben kann“ wäre nun offensichtlich rückschrittig, da niemand mehr von seiner Arbeit leben muss.

Die Arbeit als Bedingung für ein lebensnotwendiges Einkommen ist bereits unmenschlich und Teil der Forderung nach einem Mindestlohn. Das zweite Kernziel eines Grundeinkommens, neben der Autonomie, ist genau diese teilweise Entkoppelung von Arbeit und Einkommen. Arbeit hat einen viel zu hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Ein Mindestlohn wirkt hier genau gegensätzlich und koppelt die Arbeit ganz konkret an ein Einkommen. Dass niemals wieder ein Zustand der Vollbeschäftigung erreicht werden kann, wird dabei vollkommen verleugnet und der Ausschluss der Menschen ohne Arbeit wird tolerirert. Die Autonomie durch einen Mindestlohn für ganz konkret ca. fünfeinhalb Millionen Menschen, die heute weniger als 8,50 € die Stunde verdienen, wird durch ein Grundeinkommen in üppigerer Form zur Verfügung gestellt und gilt für alle, also 80 anstatt 5,5 Millionen Menschen in Deutschland.

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Eine Antwort zu Autonomie für Alle durch Grundeinkommen! Wozu dient der Mindestlohn?

  1. Alfredo Heinemann schreibt:

    1. Soll ein „bedingungsloses“ Grundeinkommen an die Staatsbürgerschaft gekoppelt werden oder an den Lebensmittelpunkt oder gar an beides?
    2. Wieviel Tage muss ich mich in Deutschland oder Europa aufhalten, wenn ich ein „bedingungsloses“ Grundeinkommen in Anspruch nehmen möchte?

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